Interview mit Professor Bernd Wolfarth

Den eigenen Sport zum Dauerkonzept machen

 

Zur Person

Prof. Dr. med. Bernd Wolfarth (55) ist Facharzt für Innere Medizin und Sportmedizin; Leiter der Abteilung Sportmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin, Ordinarius für Sportmedizin an der Humboldt Universität, Leitender Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention e.V., seit 2020 stellvertretender Vorsitzender vom Sport-Gesundheitspark Berlin e.V. sowie Sportbeauftragter der Ärztekammer Berlin.


Herr Wolfarth, gibt es eine Gesundheitsformel für ein langes Leben?

Sicherlich ist unser Lebensstil im Allgemeinen die Basis der Gesundheitsformel für ein langes Leben. Da gehört zu großen Stücken natürlich regelmäßige körperliche Aktivität und auch eine vernünftige Ernährung mit dazu. Wenn man beides gut kombiniert, ist man recht gut aufgestellt.


Der Begriff des Gesundheitssportes ist dehnbar und wird mitunter missbraucht. Wie definieren Sie Gesundheitssport?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn man semantisch herangeht, ist jeder Sport, der der Gesundheit dient, und damit ist fast jeder Sport, der nicht ins Extreme geht, als Gesundheitssport zu bezeichnen. Insgesamt ist es so, dass man natürlich die weite Palette der unterschiedlichen Präventionskonstellationen subsummieren kann. Das beginnt bei der Primär-Prävention geht über die Sekundär- bis zur Tertiär-Prävention und umfasst damit ein sehr weites Feld. Einfach könnte man zusammenfassen: Jeder Sport, der der Gesundheit zuträglich ist, ist Gesundheitssport.


Gesundheitssport wird oft eher der älteren Generation bzw. Menschen der 2. Lebenshälfte zugesprochen. Geht das auch schon Jüngere etwas an?

Ein klares JA! Beim Spektrum von unserem Sport-Gesundheitspark wäre hier als Beispiel das umfassende Bewegungsangebot „Fidelio“ für Kinder und Jugendliche zu nennen. Wir haben leider das Problem, dass es in der Gesellschaft immer mehr Kinder und Jugendliche gibt, die mit diversen Defiziten in Bezug auf die körperliche Aktivität zu kämpfen haben. Da beginnt Gesundheitssport natürlich schon bei den Jungen und ganz Jungen. Primär-Prävention sollte am besten schon in der Kita und im Kindergarten losgehen in Form von adäquater körperlicher Bewegung und speziellen Aktivitäten für dieses Alter und sich im weiteren Leben fortsetzen. Das ist dann auch schon Gesundheitssport.


Wie findet man für sich selbst eine gute Mischung aus allen Möglichkeiten?

Da muss man realistisch sein. In meinem täglichen Beratungsalltag mit meinen Patienten sehe ich, dass man immer die individuelle Situation berücksichtigen muss. Am Ende muss körperliche Aktivität und Sport uns Spaß machen, sonst wird man es nicht langfristig umsetzen können. Sport ist der Gesundheit zuträglich, insbesondere wenn es ein Dauerkonzept ist, wenn es auf Dauer in das persönliche Leben mit eingebunden werden kann. Das ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Jeder muss für sich schauen, wie er seinen Lebensumständen entsprechend ein Setup findet, was auf der einen Seite machbar ist und auf der anderen Seite auch Freude bereiten muss, um es langfristig umzusetzen.


Schritte zählen, Blutdruck messen, Kontrolle überall – der Trend zur ständigen Selbstoptimierung wird immer größer. Wann ist es sinnvoll, wo liegen die Grenzen?

Ich persönlich bin ein großer Freund zumindest der Objektivierung der körperlichen Aktivität. Weil ein großes Problem vieler Menschen ist, dass sie gar nicht wirklich wissen, wie wenig körperlich aktiv sie sind. Dafür sind z.B. Aktivitätsmesser auf der einen Seite gut als Bio-Feedback für den einzelnen und auf der anderen Seite bei uns im therapeutischen Alltag hilfreich, weil wir objektiviert sehen, was unsere Patienten tatsächlich an Aktivität umsetzen. Daher finde ich solche technischen Hilfsmittel sehr sinnvoll, wenn sie vernünftig eingesetzt werden. Man darf sich aber auch nicht in die Tasche lügen. Der Aktivitätsmesser führt nicht allein zu mehr körperlicher Aktivität, die täglich notwendige Motivation müssen wir schon selber generieren.


Wie hat die Corona-Pandemie Ihren Alltag als Sportmediziner verändert? Wo liegen derzeit Ihre Prioritäten und wichtigsten Aufgaben?

Da kommen ganz unterschiedliche Aspekte zusammen: Einerseits bin ich in der Leistungssport-Betreuung tätig, wo die Situation kompliziert ist. Wir betreuen hier in Berlin den Olympiastützpunkt, wir betreuen den 1. FC Union, die Füchse und die Eisbären. Da gibt es sehr spezielle Setups, die wir aus medizinischer Sicht mit begleiten müssen. Seien es präventive Testungen oder Untersuchungen von Athleten, die eine Corona-Infektion hatten und wieder an den Sport herangeführt werden.

Auf der anderen Seite betrachte ich als Sportmediziner mit Sorge, dass der gesamte Freizeit- und Breitensport, der Kinder- und Jugendsport darnieder liegt. Wie kriegen wir nach der Pandemie die Strukturen, der Vereine wieder zum Laufen? Wie kriegen wir die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen wieder dazu, in ihre vorhergehenden Engagements zurückzukehren?


Sie sind seit 2020 auch stellvertretender Vorsitzender des größten Berliner Gesundheitssportvereins. Was hat Sie bewogen, eine weiteres – und gerade dieses – Ehrenamt anzunehmen?

Weil ich es als extrem wichtig ansehe. Der Sport-Gesundheitspark mit seinen vor der Pandemie 7000 Mitgliedern ist einfach ein riesiger Verein und gesellschaftlich auch eine wichtige Institution, um Sport zum Großteil mit Patienten umzusetzen. Als Vertreter der universitären Sportmedizin der übergeordneten Organisationstrukturen sehe ich es als meine Aufgabe an, eine solche Einrichtung zu unterstützen. Wir können als Ärzte diagnostizieren und Vorgaben den Patienten in die Bücher schreiben, wir müssen uns aber auch Gedanken machen, wie unsere Gesundheitsvorgaben sinnvoll umgesetzt werden können. Solch eine herausragende Einrichtung wie der Sport-Gesundheitspark, der ein breites Angebot für unterschiedlichste Altersgruppen und unterschiedlichste Indikationsspektren bietet, ist auf Berlin bezogen eine sehr wichtige Einrichtung, die ich sehr gern durch ehrenamtliches Engagement mit unterstütze.


Was können Sportvereine in der Corona-Pandemie tun, um mit ihren Mitgliedern im Kontakt zu bleiben?

Wir haben jetzt überall versucht, digitale Angebote zu realisieren. Ich glaube durchaus, dass das auch ein positiver Aspekt für die Zukunft sein kann. Weil wir so auch neue Möglichkeiten und Wege finden, um eine ganz neue Ansprache unseres Klientels zu entwickeln. Alles in allem ist der Sport ein Bereich, der extrem von der Präsenz und vom Kontakt lebt. Da geht es um das Sporttreiben an sich, aber auch um Soft Skills, die damit verbunden sind. Seien es soziale oder Motivations-Aspekte, die wir über Vereine und über die Gruppe generieren. Deshalb freuen wir uns sicher alle, wenn wir nach der Pandemie ähnlich wie vor der Pandemie wieder unsere Mitglieder im Verein betreuen können.


Wir haben im Zusammenhang mit der Pandemie gesehen, dass tatsächlich Menschen, die körperlich fitter sind, mit den Erkrankungen weniger Probleme haben. Unser Ziel muss es sein, diejenigen, die durch eine Corona-Erkrankung eingeschränkt sind, wieder über den Sport an ein normales Leben heranzuführen. Aber auch den Menschen die Bedeutung von Prävention in Form von körperlicher Aktivität und Fitness klarzumachen, um sich einfach zukünftig gesundheitlich besser aufzustellen.


Aktuell fördern zu vieles Sitzen und weniger Bewegung nicht gerade einen gesunden Lebensstil. Was kann in Corona-Zeiten jeder täglich für seine Gesundheit tun?

Sich zu bewegen ist auch in der Pandemie erlaubt! Es gibt glücklicherweise bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern keine Einschränkungen für das individuelle Bewegen an der frischen Luft. Man muss sich vielleicht etwas bewusster und intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen und es proaktiv für sich selber angehen.

Home-Office Situation ist für viele eine ganz neue Situation. Wer sich jetzt durch die neuen Rahmenbedingungen im Beruf noch weniger bewegt als vorher, muss sich ganz bewusst konkrete Ziele setzen. Seien es bewegte Pausen oder die banalen 10.000 Schritte am Tag. Spazierengehen im Freien, Joggen oder Fahrradfahren ist möglich.


Wie halten Sie sich aktuell selbst fit und gesund?

Ich bin einer, der körperlich sehr aktiv ist. Ich komme aus dem Leistungssport und bin früher in der Leichtathletik Mittel- und Langstrecke gelaufen. Ich schaue, dass ich meine 5 bis 6 Stunden Sport in der Woche realisiere. Wobei ich ein bekennender „Weekend-Warrior“ bin, also am Wochenende laufe ich regelmäßig etwa 30 bis 40 Kilometer. Meine Laufstrecken sind u.a. das Tegeler Fließ, der Tegeler Forst, der Mauerweg und Lübars. Unter der Woche, wenn es dunkel ist oder das Wetter das Laufen draußen nicht zulässt, stehen bei mir zu Hause noch ein Fahrrad-Ergometer, ein Laufband und ein Rudergerät...


Als DOSB-Mannschaftsarzt waren Sie im Januar beim Biathlon-Weltcup in Oberhof. Was sind Ihre nächsten Vorhaben als Olympiaarzt?

Mitte März geht es zum nächsten Biathlon-Weltcup nach Nové Město na Moravě in Tschechien. Und dann bereiten wir uns zuversichtlich auf die Olympischen Spiele in Tokio 2021 und Peking 2022 vor.


Das Interview führte Gritt Ockert.

Verbandsmagazin








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