Anja Opp

Ausführliche Fassung des Textes aus dem Magazin BewegtBerlin, Nr. 1 (Januar/Februar 2021)

 


Zur Person

Anja Opp ist 50 Jahre alt und seit 22 Jahren beim SC Berlin e.V. als Trainerin und Leiterin der Abteilung Gesundheitssport tätig.

 


Es gibt in der Wissenschaft ja viele Definitionen für Gesundheit. Aber für mich ist Gesundheit, wenn man trotz seiner Zipperlein und Wehwehchen das Gefühl hat, ein erfülltes und sinnvolles Leben zu haben.


Als Trainerin im Bereich Gesundheitssport bewege ich mich berufsbedingt ja schon recht viel. Für die Fortbewegung im Alltag benutze ich oft das Fahrrad. Meine Urlaube verbringe ich gerne in den Bergen mit Wandern oder Skifahren. Im Sommer paddle ich gerne und bin überhaupt gerne viel draußen an der frischen Luft und verwirkliche „neue Projekte“ in meinem Garten. Jetzt während der Pandemie, wo sich wohl fast jeder durch Homeoffice, Kurzarbeit, geschlossene Sportstätten o.ä. weniger bewegt, versuche ich jeden Tag eine Stunde zu walken oder Rad zu fahren. Das „verordne“ ich auch meiner Familie und unseren Vereinsmitgliedern.


Der SC Berlin e.V. ist ein großer Mehrspartenverein. Die Abteilung Gesundheitssport gibt es seit Mitte der 1990er Jahre. Sie ist stetig gewachsen und hat heute ca. 600 Mitglieder. Mit dieser Abteilung kann der Verein sportartübergreifende Sportangebote vor allem für die Leute bieten, die in den klassischen Sportarten eher nicht so zu Hause sind, sich aber trotzdem gerne bewegen und etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Und davon gibt es viele. Ich denke, dieses Konzept ist für Vereine heute überlebenswichtig. Die Abteilung kann zwar nicht mit Medaillen punkten, ist aber auf Grund ihrer Größe u.a. eine wichtige finanzielle Stütze des Gesamtvereins. Mit Angeboten wie Cardio-Fitness, Aerobic, Bauch-Beine-Po-Rücken, Wirbelsäulengymnastik, Yoga, Tai Chi, Seniorensport und Wassergymnastik sind wir eine klassische Gesundheitssportabteilung. Wir haben auch Rehasport-Gruppen im Bereich Orthopädie, Onkologie, Herz-und Lungenerkrankungen.


Für qualitativ hochwertigen Gesundheitssport sind mehrere Dinge wichtig: Um aus der Abhängigkeit der bezirklichen Sporthallenvergabe zu kommen und langfristig planbar arbeiten zu können, haben wir ein eigenes kleines Sportobjekt angemietet. Damit haben wir die Möglichkeit, vor allem für Senioren attraktive Sportangebote am Vormittag anbieten zu können und wir können unsere Raumkapazitäten jederzeit flexibel nutzen. Und dann entscheiden natürlich die Übungsleiter ganz entscheidend darüber, ob ein Angebot qualitativ hochwertig ist. Gut ausgebildete Übungsleiter, die absolut zuverlässig sind und eine große Portion Empathie mitbringen, sind entscheidend dafür, ob eine Sportgruppe über viele Jahre fest zusammenhält oder nach kurzer Zeit wieder auseinanderfällt. Das haben wir auch wieder besonders jetzt im Corona-Lockdown gemerkt. Gruppen mit solchen tollen Übungsleitern überstehen auch solche schlimmen Zeiten und die Teilnehmer aus solchen Gruppen sind gegenüber vielen Unannehmlichkeiten und Einschränkungen, die durch die Pandemie im Verein entstanden sind, viel toleranter. Deshalb kann man solchen Übungsleitern auch nie genug für ihre Arbeit danken.


Jetzt im Lockdown laufen unsere Rehasport-Gruppen zum Teil für die Teilnehmer, die kommen möchten in Präsenz – natürlich mit vielen Anpassungen an die Corona-Regeln. Die Gruppen werden sehr gut angenommen. Das freut uns und zeigt uns, dass den Teilnehmern der Sport wirklich wichtig ist und dass sie auch Vertrauen darin haben, dass sich alle Seiten an die Corona-Regeln halten. Für alle, die doch etwas Angst vor Ansteckungen haben oder weil sie eben keinen ärztlich verordneten Rehasport ausführen, haben wir einige Onlineangebote. Das wird gut angenommen. Bei den Senioren ist online zu trainieren aber überwiegend schwierig. Bei denen, die sich mutig der Technik gestellt haben, läuft es mittlerweile prima und es kommen auch zu jeder „Sitzung“ wieder einige hinzu. Aber wirklich viele können wir über diese Möglichkeit nicht erreichen. Das geht bei den jüngeren Mitgliedern viel besser. Man kann ja viel über Onlineangebote machen und sicher werden auch nach der Pandemie solche Angebote eine größere Rolle spielen als bisher. Aber eine Präsenzveranstaltung gerade im Seniorenbereich, wo soziale Kontakte fast eben so wichtig sind wie die Bewegung, kann man damit leider nicht ersetzen.


Der BTFB ist ein „Fels in der Brandung“ für Übungsleiter, wenn es um Aus- und Fortbildung geht. Aus eigener Erfahrung und als Dozentin für den BTFB kann ich sagen: Hier kann man wirklich etwas lernen. Leider sind durch die Corona-Pandemie viele Veranstaltungen nicht so gelaufen, wie wir es gewohnt waren. Einiges konnte online durchgeführt werden und einiges musste leider auch einfach ausfallen. Mir persönlich tat der Wegfall des Turn- und Freizeitsportkongresses in Kienbaum am meisten weh. Das ist so eine großartige Fortbildungsveranstaltung! Am Interesse für die Themen und an den Fragen der Übungsleiter ist es für mich als Dozentin dort immer wieder schön zu sehen, mit welchem Herzblut die Übungsleiter an ihrem Sport und an ihren Sportlern hängen. Ich hoffe sehr, dass wir in diesem Jahr wieder an die „alten Traditionen“ anknüpfen können.


Der Gesundheitssport im Verein bewegt sich anders als die klassischen Sportarten immer sehr stark an der Grenze zwischen einem reinen Dienstleistungsangebot und traditionellem Vereinssport. Im Gesundheitssport ist die Vereinsbindung der Mitglieder nicht so stark ausgeprägt wie in klassischen Sportarten. Das finde ich als Abteilungsleiterin sehr schwierig zu bewältigen. Auch gerade jetzt in der Pandemie ist mir das wieder sehr stark aufgefallen. Wir haben etliche Mitglieder verloren. Nicht, weil es ihnen wirklich an Geld mangelt, sondern weil sie der Meinung sind, dass sie ohne eine „Leistung“ zu erhalten auch ebenso gut die Mitgliedschaft kündigen können. Wir haben aber auch von sehr vielen Mitgliedern sehr viel Zuspruch erlebt und die Aussage, dass sie selbstverständlich Mitglied bleiben und ihre Beiträge weiter zahlen. Schließlich wollen sie irgendwann weitermachen und was wäre, wenn der Verein dann nicht mehr existiert? Die Gefahr der Pandemie ist bisher vielleicht nicht so sehr der finanzielle Einbruch, den unsere Abteilung erlebt, dafür gibt es ja zurzeit auch die Hilfsprogramme. Vielmehr habe ich Angst um die mühselig aufgebaute Struktur der Abteilung. Kann man Übungsleiter und Ehrenamtliche halten? Wie werden die Teilnehmer reagieren, wenn wir die Sportgruppen neu strukturieren müssen, wird man noch alle Hallenzeiten haben usw. Kaputte Strukturen lassen sich häufig viel schwerer reparieren als ein Loch in den Finanzen. Hier sehe ich die große Herausforderung nach der Pandemie. Andererseits bietet sie auch durchaus die Chance, endlich mal eingefahrene und verstaubte Dinge zu ändern.


Neben allem Guten und Klassischem, was die Verbände zum Gesundheitssport in ihre Verbandsarbeit integriert haben, sollten sie noch mehr Energie darauf verwenden, die Belange und Bedeutung des Gesundheitssports unermüdlich in der Politik zu vertreten. Was Fußball ist, lernt man als neugeborenes Kind, denn es steht rosa oder blau mit dicken Buchstaben oft schon auf dem ersten Body. Aber was eigentlich Gesundheitssport ist, darüber gehen die Meinungen in der Gesellschaft leider immer noch weit auseinander. Oft erlebe ich auch, dass der Gesundheitssport bei der Vergabe von Hallenzeiten für Sport- oder Schwimmhallen in der Priorität sehr weit hinten steht. Für den Gesundheitssport gibt es überhaupt keine Möglichkeit, Trainer mit Hilfe von öffentlichen Geldern zu finanzieren. Was könnte man als Verein im Gesundheitssport alles entwickeln, wenn man soloselbständige Trainer, die sich bisher mit kaum nennenswerten Absicherungen durchs Leben hangeln, fair und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechend finanzieren könnte! Allein durch Mitgliedsbeiträge ist das kaum möglich.


Da ich nun schon so lange im Sport arbeite, stehe ich Trends mittlerweile sehr gelassen gegenüber. Trends sind wichtig, um auch Leute, die bisher nichts mit Sport am Hut hatten, für den Sport zu begeistern und den Sport im Gespräch zu halten. Aber inhaltlich entpuppen sie sich oft als „alter Hut“ mit neuer Krempe. Meiner Meinung nach gibt es keinen gesunden oder ungesunden Sport. Für so eine einfache Beurteilung sind die Facetten des Sports einfach zu vielseitig. Sport und Bewegung sollte einem physisch und psychisch überwiegend gut tun und man sollte auf die Mitmenschen und die Umwelt Rücksicht nehmen. Ich glaube, dann ist es – egal, was es ist – ein guter Sport.


Für die Zeit nach der Pandemie hoffe ich, dass viele Leute wieder den Weg in den Verein finden und dass alle sagen: „Ihr habt uns gefehlt!“

 


Foto: Juri Reetz

Verbandsmagazin








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