Interview mit Michaela Röhrbein

 

Zur Person

Michaela Röhrbein, 47, war seit 2016 beim Deutschen Turner-Bund als Generalsekretärin tätig, zuvor war sie Leiterin des Zentrums für Hochschulsport der Leibniz Universität Hannover. Sie arbeitet seit April 2022 für den Deutschen Olympischen Sportbund und ist berufenes Vorstandsmitglied für Sportentwicklung.

Offenheit und Pragmatismus hilft

 

Frau Röhrbein, zu Beginn die Frage: Was ist für Sie ein Trend?

Ein Trend ist ein Instrument zur Beschreibung von Veränderungen und Strömungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Die Beschreibung und die Randbedingungen erlauben eine Aussage über die zukünftige Entwicklung. Auf den Sport bezogen, aber abgeleitet aus der Statistik, woher er ursprünglich stammt: Neue Spiel- oder Bewegungsformen tauchen auf und bleiben kein Einzelfall, sondern erscheinen immer regelmäßiger. Und verlassen ihre regionale „Keimzelle”, breiten sich aus. „Change is the new normal”. Das fordert uns und hält uns in Bewegung.

Sie haben über Ihre beruflichen Tätigkeiten viele Einblicke in die Sportentwicklung des Landes erhalten – welche Trends gibt es gerade im Sport?

Das hängt häufig von den Rahmenbedingungen ab. Nehmen wir die Corona-Pandemie – hier haben vor allem Sportarten profitiert, die sich allein, mit wenig Aufwand und gern auch an der frischen Luft ausüben lassen. Streckenweise waren Laufschuhe und Fahrräder ausverkauft. Nicht neu, aber mit neuem Schwung versehen und so auch ein Trend. Andere versuchen, Trends zu „machen“ – und kreuzen Boxen mit Pilates oder Stand-up-Paddling mit Yoga, und Sportmessen oder Studios bieten uns dann Piloxing oder SUP-Yoga an.


Dann wachsen Trends auch Buttom-up, z.B. durch die Erfindung von Sportgeräten – wie ehemals Skateboarden, eine wahre Jungendbewegung, die heute olympisch ist. Aktuell wächst beispielsweise die ganze Szene um „Cross-Fit” herum. Dann gibt es natürlich noch die sogenannten „Mega-Trends“, die große Treiber des gesamtgesellschaftlichen Wandels sind und sich natürlich auch auf den Sport und das Sporttreiben der Bevölkerung auswirken. So zum Beispiel die Digitalisierung, die überall im Sport in unterschiedlicher Weise ihre Spuren hinterlässt. Hier hat sich bereits seit einigen Jahren ein sehr großes Spektrum an Angebotsformen entwickelt, die wir zum Teil als „Trend im Sport“ bezeichnen können. So bei den „virtuellen Sportarten“, also wenn Sportarten in die virtuelle Welt übertragen werden. Damit meinen wir beispielsweise virtuell gestützte sportliche Aktivitäten, die durch eine sportartbestimmende motorische Aktivität definiert sind. Oder auch Konsolen- und Computerspiele, die eine reale Sportart virtuell abbilden. Andererseits bezeichnen sich Angebotsformen selbst als „E-Sport“, die wir als Sportorganisation – und somit Anwalt für Sport und Bewegung – gar nicht als „Sport“ bezeichnen. Beispielsweise Computer- und Konsolenspiele, die keine realen Sportarten zum Inhalt haben.


Während der Pandemie hat sich eine neue „digitale“ Angebotsform sehr verbreitet. So haben während der Lockdowns viele Sportvereine aber auch kommerzielle Fitness-Unternehmen kreative digitale Trainingsformen entwickelt, um im Kontakt mit ihren Mitgliedern zu bleiben. In vielen Sportarten wurde Training analog über das Internet angeboten und die Sportgruppen hatten so die Chance, sich zumindest im virtuellen Raum regelmäßig zu treffen. Auch wenn diese Angebote in Pandemiezeiten ein Segen für den Sport waren, glaube ich, dass dies ein eher „kurzfristiger Trend“ war. Aber es ist doch vorstellbar, dass sich solche Formen als ergänzende Angebote etablieren werden. Wir sehen allerdings auch einen großen Hunger nach Gemeinschaftserlebnissen und Geselligkeit – die Stärken des Sporttreibens im Verein.

Wann kann ein Trendsport zum Leistungssport werden?

Dazu braucht es einen langen Anlauf. Die Szene muss so groß werden, dass sie sich ausdifferenziert in Teilnehmer*innen, die einfach nur Spaß haben wollen und solche, die Grenzen austesten oder verschieben wollen. Zudem braucht es dafür in unserem System Strukturen. Also die Ausbildung von Verbands- und Wettkampfstrukturen, die den Rahmen für Trainerausbildungen, Liegenbetrieb etc. bilden, damit man formal von Leistungssport sprechen kann. Das ist nicht immer einfach für Sportarten, die z.B. olympisch werden. Und das bedeutet auch nicht, dass man nicht auch ohne Wettkampfbezug auf hohem Leistungsniveau Sport betreiben kann.

Brauchen Sport-Trends im Hintergrund große Sportartikel-Marken, um sie nicht nur finanziell, sondern auch in Bezug auf Marketing/Werbung durchzusetzen, zu etablieren?

Es schadet sicherlich nicht, aber entstehen und wachsen müssen sie vor Ort, auf der Straße, im Park, am Berg oder am Strand. Markenartikler bewerten Trends und versuchen dann, die Welle mitzusurfen.


Wie kann es gelingen, gute Sport-Trends in den Verein und in den Verband zu integrieren?

Offenheit und Pragmatismus hilft, und auf die eigenen Mitglieder hören. Vereine sind lebendige Organsimen mit demokratischen Strukturen – wenn sich genügend Leute für eine Cross-Fit-Gruppe finden, werden sie das im Zweifel selbst in den Verein tragen. Oder einen neuen gründen. Bei den Verbänden kommt der Trend über die Vereine an, das System lernt in der Regel Bottom-up. Sie bekommen diesen spätestens dann mit, wenn ein Trend mediale Aufmerksamkeit und Zulauf an der Basis erhält. Verbände können wachsam sein, beobachten und Chancen nutzen, das eigene Angebot durch Trends zu erweitern, zu verjüngen und attraktiv zu halten. Es kann aber auch sein, dass aufgrund des Drucks für eine bessere mediale Darstellung sich neue Trends aus Sportarten heraus entwickeln bzw. entwickelt werden. Was immer ein Spagat ist, Verbände müssen gleichzeitig auch den Markenkern ihrer tradierten Sportarten bewahren und fortentwickeln.


In welcher Form wird der DOSB in Sachen Trends aktiv?

Die Musik spielt in der Hauptsache bei unseren Mitgliedern, unseren Verbänden – sie sind näher dran an den Vereinen. Wir nähern uns Trends von unten und von oben: An der Basis müssen wir Rahmenbedingungen für ein bewegtes Land schaffen und verbessern. Ein Beispiel: Wenn wir jetzt mit der Bundesregierung in den Dialog gehen, um den im Koalitionsvertrag verankerten Gedanken eines Sportentwicklungsplans mit Leben zu erfüllen, dann denken wir alle Ressorts mit, also auch den Städtebau. Wer heute einen Stadtteil neu plant oder neu aufstellt, muss öffentlichen Bewegungsraum mitdenken, muss Bewegungsangebote und eben ganz schlicht den Platz dafür einplanen. Hier ist der DOSB gefragt, ein grundsätzliches Umdenken zu befördern und eine Beteiligung der Vereine bei beispielsweise städtebaulichen Vorhaben einzufordern. Der „Trend Bewegungsmangel” und brandaktuell die Resultate der Umfrage der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und dem Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München zur Adipositasentwicklung bei Kindern und Jugendlichen sind Verstärker der Politik gegenüber, die Notwendigkeit des Umdenkens und der Berücksichtigung von Sport auf allen Ebenen sehr deutlich einzufordern.


Der DOSB wirkt aber auch im Zusammenspiel mit den Mitgliedsorganisationen als Trendscout, respektive als Plattform, Trends – für Sport- und Vereinsentwicklung – sichtbar zu machen und Chancen und Herausforderungen aufzuzeigen. Über den DOSB-Innovationsfond fördern wir auch innovative Projekte im Sport. Und in der Spitze treffen wir die Trendsportarten wieder, wenn sie es geschafft haben und über nationale Verbände eine so große Rolle in ihren Weltverbänden erarbeitet haben, dass sie es in die Programme der World Games oder der Olympischen Spiele schaffen. In diesem Moment sind wir in der Pflicht und Verantwortung, sie bei der Förderung durch den Bund und bei der Teilnahme an Sportgroßveranstaltungen gut zu begleiten.


Welche Zukunft haben Trend-Sportarten in Bezug auf große Wettbewerbe wie Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder gar Olympische Spiele?

Die Meisterschaften der internationalen Verbände sind, wie die World Games, die Testlabore für Neues: neue Regeln, neue Formate, neue Sportarten. Das IOC beobachtet hier ganz genau, was Erfolg verspricht. Und es hat für Trendsportarten einen Automatismus entwickelt und diesen recht elegant auch noch mit erweiterten Möglichkeiten für Bewerberstädte verknüpft: Die Ausrichter können sich im Sommer Trends ebenso wie ihre regionalen Lieblingssportarten aussuchen.


Wie stehen Sie persönlich zu Trends im Sport? Probieren Sie gern Neues aus oder verlassen Sie sich auf etablierte Sportangebote?

Da sind wir wieder bei „Change is the new normal”. Neue Bewegungsformen probiere ich sehr gerne aus, aber konstant bleibe ich persönlich zugegebener Maßen bei klassischen Sportarten wie Laufen, Radfahren oder Bewegungsformen wie Yoga.

 

Das Interview führte Gritt Ockert.


Foto: picture alliance

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