Marlies Marktscheffel

Ausführliche Fassung des Textes aus dem Magazin BewegtBerlin, Nr. 2 (März/April 2021)

 


Zur Person

Marlies Marktscheffel (58) vom TSV Rudow 1888 ist Sportdozentin und Autorin. Außerdem ist sie BTFB-Präsidiumsmitglied Ausbildung.

 


Der Begriff Digitalisierung ist sehr weit gefasst. Im BTFB sind die Ausschreibungen der Lehrmaßnahmen online zu finden, die ganze Lehrgangsabwicklung lief schon vor der Corona-Pandemie digital. Wir versuchen im Verband natürlich unser Möglichstes, Kurse und Themen auch online zu transportieren, aber unsere Bildungsarbeit ist vor allem praxisnah ausgerichtet. Daher mussten einige Lehrgänge gestrichen oder verschoben werden. Auch, weil die Anmeldungen zu den Lehrmaßnahmen – wie schon beim ersten Lockdown – sehr spärlich erfolgten. Selbst bei Kursen, die online angeboten wurden.


Unsere Übungsleiterausbildungen für Gerätturnen, Kinderturnen und Rehasport finden, soweit es möglich ist, online statt. Denn theoretische Inhalte lassen sich digital – auch in Gruppenarbeit – vermitteln. Sobald es ums Ausprobieren geht, wird es schwierig und es geht nicht weiter. Korrekturen bei Bewegungen können nur über Fallbeispiele digital erfolgen und das ist nicht das Gleiche wie mit Partnerarbeit und taktilen Korrekturen bzw. Hilfen. Online können nur Anregungen vermittelt werden. Lehrarbeit ist eben kein Mitmach-Angebot.


Ein weiteres Manko ist das technische Equipment auf der Seite der Teilnehmenden und auch auf der Seite der Dozenten. Nicht alle Menschen verfügen über die technischen Möglichkeiten, die für einen digitalisierten Unterricht benötigt werden, somit können wir sie nicht mit einbinden.


Als BTFB-Presenterin habe ich in der Corona-Pandemie verschiedene digitale Angebote gemacht. Die Erfahrung zeigt, dass die Vorbereitungen, um digital zu unterrichten, sehr aufwendig sind. Jedes Detail muss im Vorfeld noch besser überlegt und gut vorbereitet sein. Also das reicht vom Einscannen von Vorlagen, PowerPoint-Präsentationen und Videos erstellen bis hin zu schriftlichen Dateien der Arbeitsaufträge. Auch Material, das jeder nutzen soll, muss vorher benannt sein und am Arbeitsplatz liegen.


Bei der Fachtagung „KiTu Welcome“ wurden meine Workshops live gestreamt, das hat allen gefallen. Jedoch wurde das auch nur möglich, weil wir auf Kader-Kinder zurückgreifen konnten, die die Übungen zeigten. Das ist natürlich eine gute Möglichkeit, den Workshop-Teilnehmern zu zeigen, wie es gehen kann.


In der Übungsleiterlizenz-Ausbildung Kinderturnen läuft es gut über die Lernplattformen „moodle“ und „bigbluebutton“. Es kann wie in einem Klassenraum gearbeitet werden mit Gruppenräumen, Whiteboard und gemeinsamen Notizen – das ist sehr gut. Die theoretischen Inhalte sind jetzt abgearbeitet und nun müssen wir auf das baldige Präsenz-Lernen hoffen, um Sichern und Helfen, Geräteaufbauten und mehr zu vermitteln.


Die Vereine im BTFB beklagen zurzeit einen Mitgliederschwund zwischen 10 und 15 Prozent. Nicht jeder Verein kann oder möchte digital Sport anbieten. Viele Menschen möchten Sport in der Gemeinschaft erleben und nicht alleine vor dem Bildschirm.

Der größte Bedarf bzw. die größte Aufgabe seitens des BTFB wird sein, die Vereine darin zu unterstützen, wie sie ihre Mitglieder binden können. Denn sobald die Hallen wieder geöffnet werden, kommen die Menschen hoffentlich wieder zurück.


Nachdem wir alle durch die Corona-Pandemie plötzlich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht arbeiten konnten, wurden im BTFB verschiedenste Programme ausprobiert, um digital gemeinsame Sitzungen oder Lehrgänge durchführen zu können. Mittlerweile finden Sitzungen/Besprechungen im BTFB über „teams“ statt. Dozenteninnen und Dozenten werden geschult, um über „teams“ oder mit der Lernplattform zu arbeiten. Unsere Vereine wurden gezielt befragt, wie es ihnen in dieser Zeit geht und welche Wünsche sie haben.


Was die Zusammenarbeit mit dem DTB und dem LSB angeht, hat im Bereich der Lehre der DTB für alle Verbände die Lernplattform „moodle“ und „bigbluebutton“ kostenlos zur Verfügung gestellt. Das ist toll. Leider wird es nur von drei Verbänden genutzt und somit stellt der DTB „bigbluebutton“ ab Juni wieder ein. Die Zusammenarbeit mit dem LSB ist gut. Ich bin dort in der Arbeitsgruppe Bildung mit eingebunden.


Persönlich finde ich an der Digitalisierung faszinierend, dass man weltweit zusammenkommen und sich austauschen kann. Gefährlich finde ich, dass Sport ganz allein vor dem Bildschirm stattfindet. Es kann nicht korrigiert werden und dadurch kann es zu falschen Ausführungen der Übungen kommen. Das soziale Miteinander geht komplett verloren und auch die affektiven Ziele können nicht erreicht werden, z.B. der Umgang mit Sieg und Niederlage oder Fair Play. Oder Sportspiele können nicht gemeinsam stattfinden, ebenso nicht Inklusion oder Integration von Menschen beim Sport.


Ob die Corona-Pandemie aus meiner Sicht die Digitalisierung vorangebracht hat? Aufgrund der Situation musste ich mich mit den verschiedensten Programmen beschäftigen und auseinandersetzen, dass hätte ich sonst nie getan. Es ist jetzt ein weiteres Werkzeug, welches sinnvoll eingesetzt werden kann. Allerdings zeigt es auch ganz klar: Digitalisierung hat ihre Grenzen. Vor allem bei Online-Angeboten bekomme ich solche Rückmeldungen: Ich höre dich nur abgehackt. Ich sehe dich nur als Standbild. Welche PowerPoint? Mein Bild ist schwarz.


Auch wenn ich gute Erfahrungen mit Video-Konferenzen gemacht habe – das richtige Treffen ist unverzichtbar. Denn nur hier kann miteinander gut diskutiert werden, gerade wenn es auch um langfristige Ziele geht.

Darunter verstehe ich auch Tagungen, denn gerade in der Pause wird über viele Themen weitergesprochen. Schließlich geht es nicht nur ums miteinander Reden, sondern um persönliches Auftreten (Gestik, Mimik), also die ganze Breite der Kommunikation, um sich zu verstehen und zu verständigen.

Videokonferenzen sind gut, wenn es um kurze und präzise Entscheidungen geht oder wenn es deutschlandweite Sitzungen sind, die dann aber auch nur ca. 2 Stunden dauern sollten. Das spart auch das Fahrgeld und die Zeit für die An- und Abreise.

 


Foto: Jurij Robel

Verbandsmagazin








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