Interview mit Martin Hartmann

Ehrenamt lohnt sich!

 

Zur Person

Martin Hartmann, 49, Vizepräsident BTFB, Vizepräsident Deutscher Turner-Bund, Vorsitzender des BTFB-Fördervereins „Berliner Freunde des Turnens“
Unternehmensberater, verheiratet, zwei Söhne im Alter von 20 und 13 Jahren


Herr Hartmann, die Guideline Ihres ehrenamtlichen Engagements ist ziemlich beeindruckend. Wie sind Sie zum Ehrenamt gekommen?

Das lässt sich gar nicht mehr hundertprozentig feststellen… Ich habe eine klassische Turnerkarriere: Eltern-Kind-Turnen, Kinderturnen und später auch Gerätturnen. Zuletzt habe ich beim TSV Spandau in der sog. „Leistungsriege“ geturnt, wenn auch nicht sehr erfolgreich. Im Verein bin ich wahrscheinlich angesprochen worden. Ich kann mich erinnern, dass ich mit dem Verein beim Festumzug für „750 Jahre Spandau“ dabei war. Etwa 1986 hat mich dann Wolfgang Elbing, damals Jugendsekretär im Berliner Turnerbund, „entdeckt“ und mich unter seine Fittiche genommen.


Er war es auch, der das BTJ-Helferteam – heute Veranstaltungsteam - aufgebaut hat?

Ja, und ich war bei der Gründung dabei. Es ging gleich um Fortbildung, ich nahm an Seminaren teil und wir haben als Team schon Veranstaltungen für den BTB gestemmt. Zur Wendezeit kam für mich das Veranstaltungsteam der Sportjugend dazu, das Wolfgang inzwischen dort aufgebaut hatte. Zeitweise habe ich in beiden Teams mitgearbeitet, denn das beim BTB bestand ja weiter – bis heute.


Was macht das BTJ-Veranstaltungsteam und den BTFB in der Nachwuchsgewinnung fürs Ehrenamt so erfolgreich?

Zunächst geht es gar nicht darum, jemandem ein Amt anzubieten. Das machen wir anders: Alle sind zunächst als Mitwirkende willkommen, können sich ausprobieren und mitmachen. Für manche reicht es, wenn sie einmal im Jahr mitkommen, dann ist es auch gut. Wir verpflichten keinen, mehr zu machen. Andererseits gehört es dazu, dass wir denen, die sich mehr – z.B. im Verband – einbringen wollen, Unterstützung geben. Auch mehr Verantwortung und das Zutrauen, dass sie es schaffen. Und wir versuchen, die Niedrigschwelligkeit immer beizubehalten.


Das ist ein extrem guter Weg. Fördern und fordern im Ehrenamt. Dazu ist das Team ein Stück Heimat. So habe ich das auch kennengelernt.


Start im Verein und dem BTJ-Team - jetzt sind Sie Verbandsfunktionär in hoher Verantwortung…

Ja, und mein Fazit aus der 30-jährigen Ehrenamtsentwicklung lautet: Ehrenamt lohnt sich!


Inwiefern?

Ich wäre beruflich nicht so weit, wie ich bin, ohne die ehrenamtliche Tätigkeit. Im Ehrenamt lernt man vor allem Sozialkompetenzen. Außerdem kann man sich im Ehrenamt – vor allem in jungen Jahren – ausprobieren. Das erspart einem so manche „Klatsche“ im Beruf. Man bekommt im Ehrenamt ein besseres, offeneres Feedback. Ich habe gelernt, strategisch zu denken und zu arbeiten, habe Wissen geradezu aufgesogen von Menschen wie Wolfgang Elbing, Peter Hanisch, Manfred Stelse oder auch meinen BTJ-Vorstandskolleginnen und -kollegen.


Also: Ehrenämter kosten Zeit, bringen einen aber auch voran beim Mensch-werden!


Wie beurteilen Sie die ehrenamtliche Arbeit im BTFB, sind wir generell gut aufgestellt?

Mit der BTJ und dem Veranstaltungsteam haben wir ein Pfund, um das uns viele beneiden: wir haben viele engagierte junge Menschen, auf die wir auch in der Zukunft setzen können.


Das heißt aber nicht, dass wir im Verband keine Probleme mit der Altersstruktur im Ehrenamt haben.


Das Problem kennt wohl der gesamte Sport. Entscheiden heute nicht zu viele junge Leute: Helfen – ja, Ehrenamt – nein?

Das sehe ich nicht so, nicht nur, weil es bei uns anders funktioniert. Ich habe keine Sorge, dass dem organisierten Sport die Leute ausgehen. Es war immer schwierig, zu jeder Zeit.


Erschwerend ist sicher die gänzliche Individualisierung der Gesellschaft – aber da verschieben sich jetzt gerade die Prioritäten.


Weil man angesichts der Krise noch enger zusammenrückt und Werte höher schätzt?

Wir haben ja zwei Szenarien in der öffentlichen Debatte: den Untergang oder die Stärkung durch Corona… Viele stellen sich zurecht die Frage, was ist uns wichtig? Vereine sind keine reinen Dienstleister, sondern vielmehr soziale Gemeinschaften, deshalb glaube ich nicht, dass gestandene Mitglieder ihre Vereine im Stich lassen.


Ich bin immer Optimist: Wir werden einiges tun müssen und es hängt auch davon ab, wie lange die Pandemie noch dauert - aber es kann durchaus sein, dass die Besinnung auf die wichtigen Werte letztlich den Vereinen guttut.


Ist Wertschätzung fürs Ehrenamt auch nach 30 Jahren und in Ihrer Position noch ein Thema?

Natürlich! Lediglich die Form der Wertschätzung ändert sich. Menschen, die sich - wie ich - sehr stark über die Gemeinschaft, das Miteinander definieren, die tauschen sich aus, machen und erreichen viel gemeinsam. Dazu gehört auch, sich aneinander zu reiben, verschiedener Meinung zu sein, um in der Sache voranzukommen. Und da ist es eine Art von Wertschätzung, dass man (mit mir) auf Augenhöhe diskutiert!


Gibt es zu wenig gesellschaftliche Wertschätzung für Ehrenamtliche?

Nein, da möchte ich widersprechen. In den letzten fünf Jahren hat sich sehr viel getan, weil die Politik verstanden hat, wie wichtig das Ehrenamt für die Gesellschaft ist. Wir haben in Berlin eine Staatssekretärin fürs Ehrenamt, es gibt die Ehrenamtskarte mit wirklich guten Angeboten – das zeigt, dass die Politik gewillt ist, etwas zu tun.


Die in diesem Jahr gegründete Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt hat viel Geld in die Hand genommen, um Projekte und Ehrenamtliche zu unterstützen. Auch viele Arbeitgeber schauen bei ihren Bewerbern, ob die sich engagieren, das ist zunehmend wichtig für die Unternehmen.


Der BTFB vergibt Ehrungen für ehrenamtliche Tätigkeit, wie den Ciszak-Preis und den BTJ-Newcomer-Preis. Können wir noch mehr tun?

Das kann man immer … Und wir nehmen im Präsidium gern die Anregungen auf, die hier im Magazin von Ehrenamtlichen genannt werden. Alles an Wertschätzung ist wichtig, umso mehr, da in diesem Jahr viele Ehrungen und Veranstaltungen nicht durchgeführt werden können.


Wie wichtig ist die innerfamiliäre Vorbildrolle, die ja offensichtlich auch bei Hartmanns bestens funktioniert…?

Schwer zu sagen, denn ich hatte die nicht. Meine Eltern waren meiner Erinnerung nach nicht ehrenamtlich engagiert. Meinen Sohn Leander - heute im BTJ-Vorstand - habe ich oft zu Veranstaltungen mitgenommen und er hat gesehen, was ich mache. Eines Tages, da war er 13, hat er das Veranstaltungsteam beobachtet und gefragt: Papa, kann man da mitmachen? Er hat dann einmal im Jahr beim Kindermehrkampftag geholfen, erst später ist es mehr geworden. Das war aber seine Entscheidung, ich habe nicht reingeredet. Unterstützt hab‘ ich ihn schon – zum Beispiel als Fahrer, wie es andere Eltern auch tun.


Was sollte das Hauptamt leisten, um gute ehrenamtliche Arbeit zu ermöglichen?

Da hat jeder Ehrenamtliche andere Anforderungen. Sicher ist die organisatorische Absicherung unabdingbar. Mir ist der strategische Diskurs mit unseren Mitarbeitern im Hauptamt extrem wichtig, mir geht es also eher um qualitative Unterstützung.


Welche sind die drei wichtigsten Werte, die Sie aus Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für sich gewonnen haben?

Sozialkompetenz, Gemeinschaft, Teamarbeit


Was nervt gelegentlich am Ehrenamt?

Selbstdarsteller, denen es nicht um die Sache geht.


Gibt es ein „schönstes Erlebnis“?

Da gibt es zwei: Ich durfte als einer von 14 jungen Sportlern zur Einheitsfeier am 3. Oktober 1990 die Fahne am Reichstag mit hissen. Ein unvergessliches Erlebnis. Das zweite unvergessliche Erlebnis war die Stadiongala beim Turnfest 2017. Da waren so viele Emotionen! Als die gelaufen war, war ich fertig und den Tränen nah.


Und was war – oder ist - die größte Herausforderung?

Der Prozess zur Absage des Turnfestes 2021. Von Mai bis Ende Oktober dieses Jahres war es eine emotionale Achterbahnfahrt.


Wie ist Ihre Stimmungslage jetzt dazu?

Immer noch Achterbahnfahrt … Aber da müssen wir jetzt durch und Konsequenzen ziehen für übermorgen. Wir haben beim DTB einen Think-Tank – die DTB-Denkfabrik – mit vielen Expertinnen und Experten eingesetzt. Wir wollen Ansätze zur Stärkung unserer Sportvereine nach und mit der Pandemie entwickeln. Es gibt wahnsinnig viele Ideen dazu in unseren Vereinen, diese wollen wir bündeln und zu Best Practice-Ansätzen weiterentwickeln.


Was wünschen Sie sich für die nächste (Corona-) Zeit für Ihr Ehrenamt?

Als jemand, der beruflich und im Ehrenamt viel gereist ist, genieße ich die gewonnene Zeit. Für die Post-Corona-Zeit heißt das, dass wir einen gesunden Mix aus Präsenz und Online-Veranstaltungen finden müssen. Hunderte Kilometer für kurze Sitzungen, das muss ich nicht mehr haben.


Was den BTFB angeht: Ein strategischer Schwerpunkt für die nächsten Jahre ist die Digitalisierung in unserem Verband. In einer Klausurtagung haben wir die Strategie für dieses und für andere Handlungsfelder entwickelt. Daran müssen wir auch im nächsten Jahr – nach der Pandemie – weiterarbeiten.


Das Interview führte Sonja Schmeißer.

Ausgewählte Stationen des Engagements

  • 1986 – Start im Verein und im BTJ-Team
  • 1987 – Mitarbeit beim Deutschen Turnfest in Berlin
  • 1991 – erst Beisitzer, dann bis 1997 Vorsitzender der BTJ
  • 1996 – erst Vorstandsmitglied, dann bis 2002 Vorsitzender der DTJ
  • Turnfeste 1994 (Hamburg), 1998 (München), 2002 (Leipzig), 2005 und 2017 (beide Berlin) mit organisiert
  • seit 2009 Vizepräsident BTFB
  • seit 2017 Vizepräsident DTB 



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