Interview mit Bernd Mies

Die Menschen dort abholen, wo sie stehen

 

Zur Person

Bernd Mies (63) ist im Präsidialrat des BTFB für den Gesundheitssport zuständig. Er hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert und ist seit 1989 in Berliner Vereinen tätig. Er hat u.a. hauptverantwortlich das erste Berliner Sportstudio in Vereinsregie aufgebaut und entwickelt, von Beginn an mit dem Fokus Gesundheit und Rehabilitation. Er führte selbst auch Gesundheitsport-Gruppen mit den Schwerpunktthemen Orthopädie und Innere Medizin. Seit November 2023 arbeitet er in einer großen ambulanten Rehaklinik in Berlin.

Bernd Mies, wie ist der Stand der Dinge im neuen Präsidialausschuss Gesundheitssport/Akademie?


Bisher hatten wir im Fachausschuss Gesundheitssport sehr eng mit unserer kürzlich verstorbenen Vizepräsidentin Gina Martin zusammengearbeitet. Jetzt müssen wir ohne ihre Expertise auskommen, werden aber ganz in ihrem Sinne weiterarbeiten. Der Turntag hat kürzlich eine neue Struktur verabschiedet, nach der unser Bereich Gesundheitssport jetzt eng mit der Akademie unter Vizepräsidentin Marlies Marktscheffel verknüpft ist. Wir sind dabei, uns zu konstituieren und zu konzipieren, wie wir künftig zusammenarbeiten.


Für meinen Aufgabenbereich geht es um solche Fragen: Was ist für den Gesundheitssport in einer Großstadt wichtig, wie können wir Menschen helfen, die von Erkrankung bedroht oder erkrankt sind und den Vereinen diesbezüglich Hilfe und Orientierung für entsprechende Angebote geben. Was machen wir im Präventionsbereich, wie können wir unsere Angebote noch bekannter machen. Wir sind im neuen Präsidialausschuss sechs Experten aus den Bereichen Akademie, Sportmedizin, Gesundheitssport-Vereine, Verband Rehasport Deutschland und ich als Koordinator.


Vor einem Jahr haben wir an gleicher Stelle ein Interview mit Ihnen zum Thema Rehasport im BTFB geführt. Damals waren die Auswirkungen der Pandemie noch unmittelbar zu spüren. Was hat sich in dem Jahr getan?


Es hat sich vieles verbessert, wenn wir auch noch nicht wieder auf dem Stand von 2019 sind, als wir den Kopf noch frei hatten. Wir sind jetzt verstärkt dabei, in Zusammenarbeit mit Sabine Knappe vom Verband Rehasport Deutschland, noch mehr Vereine für den Rehasport zu gewinnen. Zu viele Menschen suchen noch eine gute Möglichkeit, etwas gegen ihre Einschränkung zu tun, das erlebe ich jeden Tag in der Rehaklinik. Bei solchen Gesprächen bringe ich unseren Verband und die Rehasport-Vereine ins Spiel. Die Leute brauchen ein niederschwelliges Angebot in ihrem Kiez, es muss erreichbar sein. Wir haben viele großartige Vereine in Berlin, kompetente Kursleitungen, so viele empathische Kolleginnen und Kollegen. Berlin ist geradezu prädestiniert, Angebote für alle bereitzustellen.


Natürlich haben wir nicht unbegrenzt Zugriff auf Räume und leider sind uns mit der Pandemie viele freiberufliche Fachleute weggebrochen, die sich beruflich anders orientiert haben. Wenn wir diese beiden Kapazitätsprobleme schrittweise lösen können, steht dem umfassenden Angebot nicht viel entgegen. Rehasport im Verein ist ein hochwertiges Angebot, kostenfrei oder mit niedrigen Kosten für die Teilnehmenden.


Zudem kann man die Ausbildung zur Kursleitung in sehr kurzer Zeit absolvieren. Für einen Beruf, bei dem man immer in Bewegung bleibt, großartige Menschen kennenlernt und viel Dankbarkeit erfährt.


Neu ist, dass einige – noch wenige - Krankenkassen die Verordnungen der Ärzte zum Rehasport nicht mehr prüfen, so dass die Patienten direkt mit der Verordnung zum Rehasport-Anbieter gehen können.


Und vielleicht müssen wir den Vereinen klarmachen, dass für den Rehasport kein riesiger Berg an Bürokratie auf sie zukommt, sondern dass sie bei der Installation neuer Angebote große Unterstützung durch uns und den Rehasport Deutschland Verband erfahren.


Der Rehasport hat einen direkten Bezug zu einer Erkrankung bzw. Einschränkung. Wenn wir aber generell von „Bewegung und mentaler Gesundheit“ sprechen, gehört doch sicher noch mehr dazu …?


Ja natürlich, das große Thema Prävention. Es ist ja ein Teufelskreis: Wenn du psychische Probleme hast, kriegst du Bewegungsprobleme und bei eingeschränkter Bewegung kriegst du psychische Probleme … Im Umkehrschluss heißt das, wenn ich mich bewege, geht es mir physisch besser und dadurch auch psychisch, mein Selbstwertgefühl kommt wieder.


Rehabilitation und Prävention – beides müssen wir im Blick halten. Dazu gehört auch, junge Menschen mit entsprechenden Angeboten für eine dauerhaft gesunde Lebensweise mit viel Bewegung zu interessieren.


Der Mensch ist ein soziales Wesen, er sucht die Gesellschaft. Das ist ein wichtiger Faktor für mentale Gesundheit. Und wer, außer dem Verein, macht das noch auf solchem Niveau, mit Angeboten, die wenig kosten, wo die Leute gut miteinander interagieren und Gemeinschaft erleben…? Also: Wir müssen füreinander da sein und gemeinsam das wunderbare Medium Bewegung nutzen. Es geht um Zusammenhalt, um Empathie – heute mehr denn je.


Gibt es konkrete Konzepte oder Vorhaben, um den mentalen Aspekt im Gesundheitssport künftig noch mehr zu berücksichtigen?


Wenn man sich ausruht, geht man einen Schritt zurück … Wir müssen uns fragen, was wir diesbezüglich noch besser machen können. Ich denke derzeit mit Marlies darüber nach, wie wir in den Ausbildungen der Akademie noch mehr Wert auf Empathie-Schulungen legen und mehr als bisher psychologische Aspekte in die Ausbildung einbringen. Unsere Kursleitenden, von denen ich extrem viel halte, sind didaktisch und methodisch gut, und es sollte ein künftiger Schwerpunkt sein, sie in psychologischer Hinsicht zu schulen.


Die Empathie der Kursleitenden ist ganz entscheidend, um Menschen abzuholen, in welcher Lebenssituation sie sich auch gerade befinden mögen. Es ist schon sehr viel wert, wenn jemand nach einer Erkrankung oder in schwerer Zeit weiß: Da gibt es eine Gruppe, in der man dazugehört, reden kann und wieder in Bewegung kommt. Der Mensch ist wichtig - diese Botschaft müssen wir vermitteln, gerade wenn es um lebensbedrohliche Erkrankungen geht. Die psychologische Komponente halte ich dabei für wichtiger als die physische; man muss den Kopf freikriegen…


Was können Vereine mit ihren Angeboten tun, um nach Pandemie-Zeiten und vielen aktuellen Problemen zu helfen, Kinder und Jugendliche „aufzufangen“?


Ja, es gibt viele gesellschaftliche Veränderungen und ich greife nur mal eine der Folgen heraus: Die zunehmende Gewalt bei Kindern und Jugendlichen. Ich habe selbst erlebt, was der Sport in Brennpunkt-Bezirken Positives bewirken kann. In Spandau hat der Bezirk Mittel freigestellt für den Verein Sport Kinder, damit der Angebote zur Gewaltprävention installieren kann. So etwas wäre wünschenswert für alle Bezirke.


Ich habe ein halbes Jahr dort gearbeitet und bin von dem Konzept und dem jungen Team dort vollkommen überzeugt. Sie haben deutlich etwas bewegt und leisten großartige Arbeit an jungen Menschen, auch auf psychologischer Ebene. Für mich, der ich aus der Erwachsenenbewegung komme, war das etwas ganz Neues, mit Kindern im Alter bis zu 12 Jahren zu arbeiten. Die meisten von ihnen sind gern immer wiedergekommen sind und wollen mit dem Sport weitermachen.


Aber es sind ja nicht nur solche gezielten Angebote, die helfen. Ein Verein kümmert sich auch um Gewaltprävention im Kiez, indem er seine Türen offenhält und Sportangebote unterbreitet, die Kinder und Jugendliche interessieren. Wir brauchen uns nur mal anzuschauen, was Vereine in Neukölln leisten oder auch der VfL Fortuna Marzahn, wie viele Kinder und Jugendliche sie dort einbeziehen, das ist doch großartig.


Ich würde Eltern mit ihren Kindern und Jugendliche gern einladen wollen zu einer unserer Showveranstaltungen wie den „Tuju Stars“. Da könnten sie sehen, was die auf Gruppen dort auf die Bühne bringen, das ist fantastisch. Die Botschaft lautet: Schaut, das können wir - und jede und jeder kann mitmachen! Oder die Prellballer, die wieder Kids in die Hallen geholt haben und Turniere spielen. Oder, oder…


Wir haben so viele Beispiele im Verband, die zeigen, was der organisierte Sport für Kinder und Jugendliche bewirken kann. Das europäische Ausland ist neidisch auf unsere Vereinslandschaft, die es so nicht nochmal gibt. Nur bei uns im Land wird dieser Aspekt des Sports recht wenig gewürdigt.


Sie meinen die mangelnde Wahrnehmung durch die Politik?


Definitiv. Dafür, dass der organisierte Sport eine nicht bezahlbare Leistung für die Gesellschaft erbringt, gibt es viel zu wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Politik. Beispiele dafür waren die langfristige Flüchtlingsunterbringung in Turnhallen und die Schließungen der Sporthallen während der Corona-Pandemie.


Unsere Mitgliedsvereine bieten vielen Menschen wichtigen sozialen Halt, aber wir brauchen mehr Raum, mehr Hallen. Deshalb der Appell an die Politik, mehr dafür zu tun. Das können kleinere Schritte sein, z.B. die Nutzung von Schulturnhallen in den Ferien oder eine veränderte Priorisierung der Hallennutzung in den Abendstunden. Wichtig sind die größeren Forderungen, und dafür setzt sich der BTFB ja auch aktiv ein: Dass beim Konzipieren und Bauen von Wohnkomplexen und Schulen auch immer gedeckte Bewegungsflächen dazu gehören.


Mit welchen Bereichen ist Vernetzung noch angeraten?


Natürlich mit der Wissenschaft, deren Erkenntnisse wir in unsere Aus- und Fortbildungen integrieren können. Und mit allen Partnern, die mit dem Kinderschutz zu tun haben, damit Kinder und Jugendliche bei uns einen sicheren Raum haben, indem sie sich entwickeln können. Da leistet unser Verband schon Vorbildliches, wie die 2. Kinderschutz-Sport-Konferenz gerade wieder gezeigt hat. Aber das ist natürlich ein Thema, an dem wir alle permanent im Alltag arbeiten müssen. Hier ist Aufmerksamkeit gefragt, subtilere Wahrnehmung von Signalen, das Sich-Hineinversetzen in andere. Eines gilt für alle: Ob es sich dabei um Kinder handelt oder um Ältere im Reha-Sport – es geht immer um den Menschen.


Was tun Sie selbst, wenn Sie sich gestresst fühlen oder Belastendes zu verarbeiten haben?


Ich setze mich auf mein Fahrrad, aber noch lieber wandere ich mit meinen Lieblingsmenschen in schöner Natur, da kann ich wunderbar „runterfahren“. Aber ich lerne durch meinen Beruf und das Ehrenamt jeden Tag neue, interessante, auch dankbare Menschen kennen. Das macht so viel Spaß, weil wir uns auf Augenhöhe begegnen - das ist einfach schön.

 

 

Interview: Sonja Schmeißer
Foto: Juri Reetz




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